Klopf, Klopf! Die Linkspartei kommt zu Besuch.

Übersetzung aus
Knack, knack! Vänsterpartiet kommer på besök. (Flamman 2008-06-29)

Die Linkspartei macht sich auf, und klopft an Türen um Leute zu fragen.
Wie das geht ?

Es begann in Almedalen 2007. Lars Ohly begab sich zusammen mit dem Presse-Sekretär und der Gotländischen Zeitung hinaus, um an Türen zu klopfen. Das ist ein Weg um den Medien zu zeigen, wie die neue Linkspartei eine Partei wird, die auf die Leute hört. Zeitgleich zum Besuch der Partei, die zum Türklopfen inspirierte: Die Sozialistische Partei von Holland. Ein wenig aufgeregt am Anfang, mehr eine Demonstration.

Aber kaum ein Jahr später wird es Ernst mit dem Türklöpfen. Von Malmö im Süden bis Umeå im Norden. Eine der Ortsgruppen, die es probierten, ist Farsta in Stockholm.

- Wir fühlten uns ein bißchen komisch als wir das erste Mal hinaus gingen. Wir waren ängstlich dass wir als aufdringlich empfunden würden, aber tatsächlich bekamen wir Antwort von recht vielen. Kaum jemand war unfreundlich sagt Frederick Samuelsson, einer der Teilnehmer.

In Farsta machten sie die übliche Variante einige einfache Fragen über die Umgebung zu stellen. Was die Bewohner an Farsta gut oder schlecht fänden. Die, die meinten, dass Farsta gut sei, sagten dass Färsta nahe der Natur sei, es zentral liegt und es ein Zentrum mit viel Service gibt. Die meisten Beschwerden waren, dass die Qualität der Schulen schlecht sei, und dass Ärzte einen sehr gestressten Eindruck machten, wenn man zur Gesundheitszentrale ging. Und viele wollen sich sicherer fühlen, wenn sie den Strassen entlang gehen.

In Sundbyberg machten sie eine ähnliche Erfahrung.

- Wir gingen nach Hallonbergen, der eine Plattenbausiedlung* ist.

(* miljonprogramsförort: wörtlich übersetzt: Millionen-Programms-Vorort , Das Millionenprogramm (schwedisch miljonprogrammet) war ein Bauprogramm der schwedischen Regierung. Den Namen erhielt es daher, dass es zum Ziel hatte, innerhalb von zehn Jahren (zwischen 1965 und 1975) rund eine Million neue Wohnungen zu bauen.
siehe: http://sv.wikipedia.org/wiki/Miljonprogrammet )

- Wir bemerkten als erstes, dass die Leute wirklich ihre Gegend in Schutz nahmen. Sie sind das Bild von Hallonbergen leid, dass es ein schlechter Ort sei um dort zu wohnen, denn sie erleben es anders. Sie sind stolz, erzählt Marielle Nakunzi von dem Sundbybergs-Verband. Hier bekam man auch einen deutlichen Hinweis auf ein Thema, das die Linkspartei bisher nicht entdeckt hatte.

- Die Frage bei der die meisten meinten, dass es besser werden sollte, war, dass das Zentrum sehr vermüllt sei, es seien mehr Papierkörbe nötig. So werden wir ein Nachbereitungs-Treffen nachen und einen Rundbrief herausschicken um die Lösungen zu erörtern. Aber dann muß sich ja auch etwas ändern: Die ganze Methode hängt am politischen Resultat. Kommen keine Papierkörbe, so werden die Leute meinen, dass das Ganze sinnlos sei. Marielle Nakunzi erzählt, dass alle, die in Sundbyberg mit dabei waren sehr erstaunt sind, dass es funktioniert an die Türen der Leute zu klopfen. Der Grund weshalb ich ans Türklopfen glaube ist, dass unsere eigenen Mitglieder es mögen. Wir hatten ja Leute in jedem Alter: der Jüngeste, ein Junge knapp über 20 Jahre alt, die Älteste eine 80-jährige Frau. Sie finden es super-cool.

Murad Artin von Örebro erzählt, dass alle Parteimitglieder, die gefragt wurden am Türklopfen teilzunehmen, am Anfang negativ eingestellt waren. Aber schliesslich waren es 14 Personen in mehreren Rundgängen, und sie waren begeistert, nachdem sie es probiert hatten. Das Mißtrauen beruhte darauf, dass sie sehr viel schlechtere Reaktionen befürchteten als es tatsächlich der Fall war.

- Es sind viele, unter den Leuten, bei denen wir klopften, die es mochten ihre Meinung zu sagen, dass sich jemand darum kümmert was sie denken, erzählt Murad Artin von der Linkspartei in Örebro. Einer, der Mitglied bei der Volkspartei war, lud uns zu einem Kaffee ein und sprach mit uns eine halbe Stunde. Er war überhaupt nicht mit der Politik der Linkspartei einverstanden, fand es aber sehr gut wie wir arbeiteten, denn so sollte es in einer Demokratie funktionieren.

In Örebro hinterließen Linkspartisten auch die Möglichkeit auf Fragen schriftlich zu antworten.

- Was mich am meisten erstaunte: Leute schicken tatsächlich ihre Antworten: Sie kaufen Briefmarken und senden die Antworten an uns, sagt Murad Artin. Einmal, als ich durch die Gegend ging rief jemand: “Hallo! Bist du von der Linkspartei?” und kam angelaufen mit ihrem Fragebogen, da sie ihn wirklich abliefern wollte. Ganz unglaublich!

Das Türklopfprojekt hat auch Kritiker. Ein Teil mag nicht den Gedanken in die Wohnungen der Leute einzudringen: Man will sich nicht vorkommen wie die Zeugen Jehovas. Ein anderes Argument gegen das Türklopfen ist, dass es zu zeitaufwändig sei für eine kleine Partei. In vielen Treppenhäusern in Großstädten gibt es Code-Schlösser, die verhindern, dass man hereinkommt und dass viel Vorbereitungsarbeit nötig sei. Eine andere Kritik ist, dass das Projekt bisher mehr Schau (“mer snack än hockey”) sei:  nur eine handvoll Gruppen haben damit angefangen. Viele meinen, dass die Idee im Prinzip gut sei, sagt Henning Süssner aus Landskrona, der auch Autor in Flamman ist.

- Aber so schafft man keine Aktivistenpartei: Wir müssen weiterhin eine Menge interner Treffen haben, wenn unsere Komunalpolitiker weiterhin Verankerung haben sollen. Und man kann sich nicht einfach auf eine Art zu arbeiten festlegen – etwas muss weg wenn wir nicht Leute verschleißen wollen. Die Kluft zwischen der Anspruch und was Leute wirklich schaffen sollte ernst genommen werden, sagt Henning Süssner. Süssner hat auch eine politische Kritik, dass die Linkspartei nun sagt, dass sie besser werden will beim Zuhören.

- Wir sind ja nicht die einzigen, die hinaus gehen und den Leuten zuhören. Aber wir müssen uns fragen welche Glaubwürdigkeit wir haben: Wir sind zu klein an vielen Orten um Veränderungen durchzuführen. Nun paßt die Linkspartei ausserdem ihre Forderungen an: zum Beispiel bei dem sechs-Stunden-Arbeitstag. Da verschwindet die Möglichkeit Meinug zu machen.

In der Linkspartei Örebro denkt man, dass man die Problematik gelöst hat, die Süssner angesprochen hat. Sie sind dabei ihre Arbeisweise zu verändern. Es ist richtig, dass es Zeit braucht am Anfang, sagt Murad Artin von der Linkspartei i Örebro, aber es ist Zeit die man später wieder zurück bekommt. Die Örebroer machten eine sehr genaue Planung vor ihrem Türklopf-Projekt: Zeichneten eigene Karten über die Umgebung Sörbyängen – so detailiert, dass jede Tür eine Ziffer bekam und sie machten eine Statistik, die so genau ist, dass man verschiedene Parameter unterscheiden kann. Die Genauigkeit ist möglich weil der Partei-Ombudsmann Hans Blomberg viel mit dem Türklopfen arbeiten konnte. Nach dem ersten Rundgang mit 750 Türen, wissen sie dass es im Durchschnitt nicht mehr Zeit braucht als 4 Minuten pro Tür. Murad Artin sagt, dass das Türklopfen als Teil der parlamentarischen Arbeit angesehen werden muß: Es geht nicht von den Leuten gewählt zu sein ohne Kontakt zu den Leuten zu haben. Und dass Türklopfen nicht als zeitaufwändig angesehen werden kann in Hinblick auf das Resultat: Wie oft kann die Linkspartei sonst direkt mit Hunderten von Personen reden? – Oft hat man gleich viele Stunden Arbeit ohne mit einem einzigen zu reden. Wie lange haben wir in der Linkspartei in unseren Räumen gesessen und nur im Kreis diskutiert? Wir waren ja spitze aufeinander zu hacken und lange Debattenartikel zu schreiben! Wir zerfleischen uns gegenseitig.

Die Linkspartei Örebro bekam auch eine Titelseite in der Zeitung “Nerikes Allehanda” im Zusammenhang mit Lars Ohlys Besuch. Aber Artin legt Wert darauf, das diese Arbeit nicht gemacht wird, nur um Aufmerksamkeit zu finden, oder um mehr Mitglieder zu bekommen.

- Wir können nicht damit rechnen, dass dieses ein Ergebnis für 2010 (Anm.: Wahljahr) geben wird. Dies muss viel langsichtiger sein. Für uns gibt es kein Zurück – Das ist die Art wie wir nun arbeiten.

Das Türklopfen in Örebro ist nun in die zweite Runde gegangen. Letzte Woche klopften sie an 100 Türen. Hans Blomberg hatte ausgerechnet, dass es nicht mehr als 36 Stunden in Anspruch nehmen sollte. Alle anderen glaubten, dass es zwei Wochen dauern würde, aber Blombergs Rechnung erwies sich als richtig.

Es gibt schon einen ersten politische Beschluß, der von dieser Methode beeinflußt worden ist: Die bürgerliche Mehrheit hatte 5 Millionen für das “Bernadotte-Jubileum” vorgesehen, eine Feier des Jahrestages der Eröffnung des Reichstages vor 200 Jahren in Örebro 1810. Stillschweigend sollte es eine ziemlich royalistische Veranstaltung werden. Aber als die Linkspartei fragte was Leute in Sörbyängen von der Idee hielten, waren es nur neun Prozent der Antworten, die das befürworteten, während 77 Prozent direkt dagegen waren und meinten, das Geld solle für eine bessere Personaldecke in der Vorschule oder für bessere Altenpflege ausgegeben werden. Und nun hat der Christdemokratische Bürgermeister angefangen umzudenken, erzäht Artin.

- Der Name und der Schwerpunkt werden geändert: Es soll “Örebro 2010″ heißen und auch Vorträge über verschiedene Regierungsformen usw. haben, eher als das Adelsgeschlecht Bernadotte zu feiern. Das ist natürlich der Kern, wie es funktioniert: In einer Demokratie sollen die Leute entscheiden. Lisa Helgefors, Sprecherin der Linkspartei in Örebro sagt, dass Politiker, selbst in der Linkspartei ein großes Problem haben:

- Die meisten die politisch arbeiten sitzen in geschlossenen Räumen und haben keinen Kontakt mit gewöhnlichen Leuten. Wenn man an die Türen klopft trifft man Menschen, die man sonst nie sehen würde. Die, die nicht wählen, antworten nie in Meinungsumfragen für welche Partei sie stimmen würden, und über die Linkspartei haben sie sich kaum geäußert.

- Es sind ja ganz viele, sagt Helgefors. Sie denken vielleicht, dass alle Politiker Betrüger seien. Aber wenn man draussen ist und zeigt, dass man interessiert in Sachfragen ist, die sie angehen, glaube ich, dass sich ihr Bild ändert.

Marielle Nakunzi, Sundbyberg sagt, dass Linkspartisten leicht glauben zu wissen was wichtig ist für ihre Wähler.

- Wir sagen oft: “Wir wissen was Leute brauchen”, aber ich glaube, dass wir manchmal nicht den Hauch einer Ahnung haben. Es ist nur Gerede. Aber es ist klar, dass wir es schwer haben Menschen zu engagieren, wenn wir nicht Sachen aufnehmen, die sie angehen. Es gibt auch einen deutlichen politischen Effekt mit der Methode. Das Selbstvertrauen ist gestiegen während der wenigen Wochen, die wir draussen waren, sagt Murad Artin in Örebro. Man wird besser beim Argumentieren, man bekommt Ahnung über wichtige Fragen und viele mögen ausserdem die Politik der Linkspartei.

- Was wir merkten, war ja dass viele so dachten wie wir: die mögen gemeinsamen Wohlstand und Gerechtigkeit. So wurde es nach einer Weile gar nicht unangenehm empfunden, sondern angenehm.

Die Linkspartei trifft also Leute. Sie scheinen sich anzuschauen und zu sagen: tatsächlich ist das gar nicht so seltsam.

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