Andreas Buro: von Linken und PazifistInnen

aus: Andreas Buro: Totgesagte leben länger: Die Friedensbewegung, KOMZI Verlag, 1997

Blick zurück nach vorn – von Linken und PazifistInnen

In Rundfunk- und Zeitungskommentaren der Gegenwart wird häufig die Meinung vertreten, “die Linke” habe versagt. Dabei geht es um Fragen von Krieg und Frieden. Im Unterton wird unterstellt, Linke müssten eigentlich PazifistInnen sein und diese wiederum eigentlich Linke. Setzen sich einige von ihnen, wie im Falle des Krieges im ehemaligen Jugoslawien geschehen, für die Verwendung militärischer Mittel ein, so wird dies je nach politischer Richtung als realistische Neuorientierung oder als Verrat an den eigenen Maximen gewertet, denen man nicht zum Durchbruch in der wirklichen Politik habe verhelfen können. Bei derart flotten Sprüchen wird leicht verwischt, daß sich die Linke und der Pazifismus auf höchst unterschiedliche Traditionen stützen, aus denen sich keineswegs gleiche Handlungsmaximen ergeben. Ich muß vorwegschicken, im folgenden spreche ich ganz undifferenziert von Linken und PazifistInnen. Ich bin mir selbstverständlich der Heterogenität beider “Lager” wohl bewußt, denke aber, daß diese Pauschalisierung bei der hier betriebenen Betrachtung der Beziehungsgrundmuster vertretbar ist. Eine differenziertere Darstellung wäre viel zu umfangreich.

Auf zum letzten Gefecht

In einem bekannten Lied der Linken heißt es: »Völker hört die Signale! Auf zum letzten Gefecht!« Dieser Vers macht sehr deutlich, wie wenig von der Linken Klassenkampf und die Durchsetzung von Klasseninteressen als ein grundsätzlich pazifistisches Unternehmen verstanden worden ist. Ich brauche dies nicht näher auszuführen. Der Heldenmythos von den Roten Brigaden im Kampf gegen den spanischen Faschismus – ihre Lieder hat der “Bellizist” Wolf Biermann so eindrucksvoll vorgetragen – wie auch die lange Akzeptanz des gewaltsamen revolutionären Kampfes in Rußland nach 1917 zeigen dies ebenso deutlich wie die immer wieder auflodernde Begeisterung für die sozial-revolutionären Befreiungsbewegungen in den ehemaligen Kolonien. »Waffen für El Salvador«!?

Die von Linken als notwendig im wahrsten Sinne des Wortes akzeptierte Gewalt wurde in aller Regel als Gewalt für Gerechtigkeit verstanden. Das Bild des Sozialismus, das im Bewußtsein der meisten Linken mit den Farben der Gerechtigkeit und der Emanzipation gemalt wurde, sollte eine humane Ordnung sein, in der militärische Gewalt schließlich überwunden werden würde. Die linke Gewalt wurde als anti-militaristische Gewalt verstanden, denn sie wendete sich gegen die Unterdrückung und Ausbeutung durch die herrschenden Klassen, deren wichtigste Herrschaftsinstrumente Militarismus und Nationalismus waren. An dieser Stelle besteht ein wichtiger Berührungspunkt zur pazifistischen Zielsetzung, nämlich das Militär abzuschaffen. Freilich wurde die Sichtweise und das Herangehen an dieses gemeinsame Ziel höchst unterschiedlich gesehen. Ich erinnere nur an den im algerischen Befreiungskrieg berühmt gewordenen Arzt und Philosophen Frantz Fanon, der in seinen Thesen von der emanzipativen Wirkung der Gewalt gegenüber den damaligen Kolonialherren sprach. Er wollte sie geradezu als Mittel zur Herstellung der menschlichen Würde der Unterdrückten verstanden wissen. Waren solche Thesen nicht letztlich ein Plädoyer für den “gerechten Krieg”, um das Böse zu überwinden und mit seiner Hilfe zur Gerechtigkeit vorzustoßen! Blicken wir heute auf die Ergebnisse auch sogar der siegreichen “emanzipativen Gewalt”, so packt uns Entsetzen und Trauer: Nicht Freiheit und Gerechtigkeit hat der militärische Befreiungskampf bewirkt, sondern höchst repressive, autoritär-hierarchische Strukturen. Hat die “emanzipative Gewalt” letztlich nur Militarismus, Ausbeutung und Unterdrückung wiedergeboren! Der Frage mußten sich alle stellen.

Auch die eigene Gewalt überwinden

Den Strategien des mit Gandhi stärker in der Öffentlichkeit der bürgerlichen Gesellschaften rezipierten “gewaltfreien Pazifismus” liegt die Annahme zugrunde, daß die angewandten Formen des Konfliktaustrages den angestrebten Zielen entsprechen müssen. Dies bedeutete, den Konfliktaustrag so zu organisieren, daß in seinem Verlauf zumindest von der pazifistischen Seite her die Gewalt, die man zu überwinden beabsichtigte, selbst nicht mehr angewandt werden würde. Indem also eine KontliktpartnerIn auf die Anwendung von Gewalt verzichtete, sollte ein Anfang für die Überwindung von Gewalt geschaffen werden, selbst wenn dies ein langer Weg mit vielen Opfern sein würde. Ich will hier nicht erörtern, welche Erfolgschancen in unserer gewaltträchtigen Welt die pazifistische Orientierung haben mag, würde ich doch kaum über Spekulationen hinauskommen. Wichtig scheint mir jedoch, daß die Erkenntnis von dem engen Zusammenhang zwischen den verwendeten Mitteln im Konfliktaustrag und den erreichbaren Zielen das Verhältnis von Linken und PazifistInnen im Rahmen ihrer durchaus auch spannungsreichen Zusammenarbeit in der Friedensbewegung sehr verändert hat. Angesichts des Fiaskos des “real-sozialistischen Systems” und der vielen Diktaturen in “befreiten” ehemaligen Kolonialländern müssen Linke in einem sicher mühsamen und immer wieder neu beginnenden Lernprozess akzeptieren, wie entscheidend es ist, die Mittel den zu erstrebenden Zielen anzupassen. Dazu hätte es nicht einmal des RAF-Lehrstückes mit seinen katastrophalen Folgen bedurft. Blicke ich bis in die frühe Nachkriegszeit zurück, in der sich der falsche Pazifist F.J. Strauß zu der Äußerung verstieg, der Arm solle ihm abfallen, wenn er jemals wieder ein Gewehr in die Hand nähme, so erscheint mir die Problematik der Ziel-Mittel-Relation durchgängig eine zentrale Rolle zu spielen. Denn selbstverständlich war die deutsche Bevölkerung einschließlich ihrer politischen Eliten nach der Niederlage des Deutschen Reiches im Zweiten Weltkrieg nicht plötzlich zu PazifistInnen geworden. Der gewaltsame Kontliktaustrag ist tief in unsere Sozialisationsmuster eingeprägt und kam nach Zulassung der deutschen Wiederaufrüstung erneut voll zur Geltung. Kriegsdienstverweigerer wurden sogleich zur weitgehend verachteten und gesellschaftlich geächteten Minderheit. Auch für viele Linke hieß, in der BRD den Kriegsdienst zu verweigern nicht, ihn unter allen Umständen zu verweigern. Die gewaltfreien PazifistInnen galten vielen von ihnen als nützliche MitstreiterInnen, deren Grundsätze ihnen jedoch weitgehend fremd blieben. Das große gemeinsame Thema besonders in den 50er und 60er Jahren begünstigte jedoch die Koexistenz dieser unterschiedlichen Grundorientierungen, da die “Kampagne gegen den Atomtod” unter den gegebenen Bedingungen nur ohne Gewalt geführt werden konnte. In diesem wichtigen gemeinsamen Projekt konnten so Gewaltfreiheit aus taktischen bzw. aus strategischen Gründen trotz Vorurteilen und gegenseitigem Mißtrauen relativ gut miteinander kooperieren.

Koexistenz

Die hier erwähnte Grundkonstellation blieb meines Erachtens bis zum Ende des Ost-West-Konfiktes erhalten. Die Faktoren hierfür verstärkten sich noch einmal bei der großen gemeinsamen Kampagne gegen den NATO-Doppelbeschluß der Schmidt-Regierung. Allerdings fanden gerade in dieser Auseinandersetzung die gewaltfreien Methoden pazifistischer Gruppierungen ein bis dahin nicht erreichtes Maß an Zustimmung bei den Linken. Durch sie war es nämlich möglich geworden, eine breite Mobilisierung zu erreichen und nach dem Bundestagsbeschluß zugunsten der “Nachrüstung” den Widerstand auf einer neuen qualitativen Ebene durch Sitzblockaden und hundertfache Prozesse fortzusetzen. Der Widerstand, der sich mit dem Ort Mutlangen verbindet, wurde auch von der Linken anerkannt. Gleichzeitig weitete sich die gesellschaftliche Basis der gewaltfreien PazifistInnen aus. Auch die pazifistische Seite hat in diesen drei bis vier Jahrzehnten große Lernschritte vollzogen. Ihr Ausgangspunkt war in aller Regel nicht die gesellschaftliche Analyse, sondern die religiös oder ethisch geprägte individuelle moralische Einstellung. Ihre Verweigerung des Kriegsdienstes und ihr Protest gegen die Atombombe beruhte dementsprechend vornehmlich auf Gewissensgründen. Diese individuelle Motivation machte viele PazifistInnen zu äußerst hartnäckigen, an ihre Prinzipien gebundene VerfechterInnen ihres Anliegens, die mit sehr langem Atem an der Arbeit für ihre Ziele festhielten. Das Versagen der real-sozialistischen Gesellschaftsformation im Sinne einer freieren und gerechteren Gesellschaft konnte sie nicht irre machen. Meist hatten sie darauf ohnehin nicht gesetzt. Während die Linke ihre Motivation vor allem aus der Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse bezog, war diese Sichtweise auf der pazifistischen Seite nicht selbstverständlich ausgebildet, so daß sich durchaus starke individuelle, moralische Motivation und entsprechendes Engagement mit gesellschaftspolitischer Unerfahrenheit verbinden konnte. Die Hoffnung, denen “da oben” die Kriegsbedrohung nur recht klar zu machen, so daß sie den Kurs ändern würden, wurde von der linken Seite eher als naiv empfunden. Die gegenseitigen Vorurteile, Naivität hier – Dogmatismus da, haben in den unterschiedlichen Ausgangspunkten und Motivationen ihre Basis. Wichtiger als dieses “prozessuale Moment” der kooperativen Koexistenz ist jedoch, daß die politisch sich engagierende pazifistische Seite seitdem einen erheblichen Lernprozeß in Sachen gesellschaftlicher und politischer Konfliktursachen durchgemacht hat. Dies bewirkte in vielen Beurteilungen eine partielle Annäherung an die Linke, ohne dabei die eigenen Prinzipien aufzugeben.

Orientierung nach Ende des Ost-West-Konfliktes

Meine These besagt also: Bis zum Zerfall des sowjetischen Imperiums hat es auf beiden Seiten – der Linken wie bei den PazifistInnen – eine Lernbewegung aufeinander zu gegeben. Mißtrauen wurde in erheblichem Maße abgebaut. Die Linke hat sich dem “pazifistischen Thema” des gewaltfreien Konfliktaustrages zugewandt, ohne in dieser Frage schon zu einer gesicherten und in ihrem Bereich generell akzeptierten Vorstellung zu gelangen. Auch aus dieser sehr allgemeinen Sicht kann es deshalb kaum verwundern, daß in der völlig neuen Situation des Krieges im ehemaligen Jugoslawien diese Grundproblematik in der Gestalt der “BellizistInnen-PazifistInnen” Debatte wieder aufgebrochen ist. Das Ende des Ost-West-Konfliktes mit seinen Grundmustern der bipolaren Welt stellt auch den gemeinsamen sozialen Lernprozeß von Linken und PazifistInnen in Frage. Ich meine damit nicht die naiv illusionäre Modevision vom “Ende der Geschichte”. Für die Linke zerbricht endgültig die Illusion von der emanzipativen Reformfähigkeit der real-sozialistischen, oder wie ich sie bezeichne, bürokratisch-etatistischen Gesellschaften. Ihr Projekt der Überwindung des Kapitalismus zugunsten einer gerechteren Gesellschaft, das im Bewußtsein vieler Linker mit historischen Gesetzmäßigkeiten verbunden war, scheint nun selbst illusionär. Auch die pazifistische Seite verliert das Objekt ihrer bisherigen Arbeit, nämlich das west-östliche Abschreckungs- und Bedrohungssystem. Ihre Grundprinzipien werden dadurch jedoch nicht berührt. Für sie stellt sich vielmehr die Frage, wie sie ihre Arbeit auszurichten habe, um die Ausbildung von friedensfördernden Strukturen in den Ländern und zwischen ihnen konstruktiv zu unterstützen. Es beginnt die Diskussion darüber, was “positiver Friede” in dieser Zeit heißen könnte. Ich will dies hier nicht weiter erörtern. Wichtig scheint mir jedoch der sich damit anbahnende große Schritt auf der pazifistischen Seite, sich nun, motiviert durch das eigene Gewissen, explizit politischen und gesellschaftlichen Strukturen als Voraussetzung von Frieden zuzuwenden. PazifistInnen dringen damit in die Domäne der Linken ein, wobei sich ihre praktische Arbeit eher in der Form von Suchbewegungen nach Möglichkeiten der Verbesserung bewegt und nicht auf den Entwurf von großen gesellschaftlichen Konzepten gerichtet ist. Das Scheitern von ideologisch-theoretischen Großkonzeptionen wird so durch eine basisorientierte Arbeit an ganz vielen Brennpunkten beantwortet. Diese Ansätze traten jedoch – wenigstens vorübergehend – mit dem Golf-Krieg und den kriegerischen Konflikten in der Folge des Auseinanderbrechens der bürokratisch-etatistischen Gesellschaftsformationen in den Hintergrund. Zunächst – und immer noch – muß eine angemessene Einschätzung der neuen Situation erarbeitet werden. Gelingt dies nicht, so werden viele in dieser Zeit der zerfallenen Grundorientierungen den herrschenden Ideologien vom sogenannten guten, menschenrechtlichen Westen auf den Leim gehen, der im Abwehrkampf gegen Terrorismus und Fundamentalismus sich rüstet, humanitär zu intervenieren.

Der Weg ist das Ziel

Bereits im Golf-Krieg, enorm verstärkt dann durch den Krieg im ehemaligen Jugoslawien, beginnt sich nun das neue gemeinsame Projekt von PazifistInnen und Linken abzuzeichnen. Gegenüber dem oben skizzierten militärpolitischen Kurs der G7 wird eine Weichenstellung von der militärischen zur zivilen Konfliktbearbeitung gefordert. Bezogen auf das Verhältnis von Linken und PazifistInnen ist bedeutsam, daß bei diesem Projekt nicht nur eine Alternative zur herrschenden Politik sichtbar wird, sondern daß auch – ganz entsprechend der Formel “Der Weg ist das Ziel” – die Form der Konfliktbearbeitung zum entscheidenden Kriterium erhoben wird. Die pazifistische Sichtweise setzt sich in diesem neuen Projekt durch. Manche Linke folgen angesichts des menschlichen Leidens in Bosnien diesem Kurs nicht und fordern von den einst als gegnerisch bewerteten herrschenden Kräften ein militärisches Eingreifen aus humanitären Gründen. Andere Linke versuchen in ihren Vorschlägen kurz- und langfristige Ziele im Sinne ziviler Konfliktbearbeitung zu verbinden. Die zivile Konfliktbearbeitung wird ein langer und mühsamer Prozeß sein, der in Koexistenz mit der militärischen Konfliktbearbeitung zu entfalten ist. Sie muß sich höchst realistisch immer wieder und unter widrigen Umständen in der Praxis bewähren, oder sie wird von den militaristischen Kräften beiseite gewischt werden. Ständig ist mit der Gefahr der Instrumentalisierung, Vereinnahmung und schließlich der Integration der zivilen Konfliktbearbeitung als einem Hilfsmittel der herrschenden Politik zu rechnen. Dem kann nur widerstanden werden, so meine Vermutung, wenn konsequent an einer radikalen Analyse der herrschenden Verhältnisse festgehalten und sie in verständlicher Form in die gesellschaftliche Öffentlichkeit eingebracht wird. Nach dem großen Schritt der PazifistInnen, die zivile Verfahrensweise zur Richtschnur erhoben zu haben, ist nun die Linke mit ihren analytischen Fähigkeiten und Motivationen gefragt. Blicke ich nach vorn, so glaube ich, in der enger werdenden Kooperation zwischen Linken und PazifistInnen die neue Perspektive erkennen zu können, in der die Mittel und die Ziele des Kampfes um eine gerechtere Gesellschaft, die ihre Konflikte friedlich löst, weit mehr als bisher zur Deckung gebracht werden können. Dabei habe ich nicht nur die Probleme der internationalen Gesellschaft im Auge, sondern durchaus auch die innergesellschaftlichen. Denn ohne Zweifel werden sehr bald und sehr massiv erneut die alten Fragen der Linken zum Charakter, den Durchsetzungsweisen und den Folgen der herrschenden politischen Ökonomie – freilich in modernisierter Form – auf der Tagesordnung der Geschichte stehen. Die mühsam erreichte Partnerschaft könnte entscheidend sein, um trotz aller Obermacht eine emanzipative Perspektive und Strategie zu gewinnen.

Solidarität versus Ellenbogengesellschaft

Bisher habe ich mich auf die Möglichkeit der Weichenstellung von militärischer zu ziviler Konfliktbearbeitung konzentriert. Es ist ein zentrales Anliegen meines Buches. In den abschließenden Worten möchte ich meinen Blick über diese Thematik hinaus auf die nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes dominierende bürgerlich-kapitalistische Gesellschaftsformation lenken. Alle Gesellschaftsformationen früherer und heutiger Zeit haben aufgrund ihrer Reproduktionsstrukturen selbst Konflikte erzeugt. Es muß also unter der Zielsetzung, Versöhnung und Kooperationsfähigkeit zu fördern, auch darum gehen, unsere Gesellschaftsformation selbst so zu verändern, daß sie weniger Konflikte hervorbringt und daß diese von geringerer Intensität sind.

Welche Bedeutung eine derartige Fragestellung hat, wird sofort erkennbar, wenn man das ungeheuerlich wachsende Ausmaß an Kriegen betrachtet, die während der Zeit der Entfaltung der bürgerlich-kapitalistischen Industriegesellschaften die Menschen in fast der ganzen Welt heimgesucht haben. Wir wissen nicht, ob mit der Ost-West-Konfrontation und der damit verbundenen Androhung der Auslöschung menschlichen Lebens durch nukleare Waffen bereits das Ende der ständigen Steigerung von Bedrohung erreicht ist.

Die in diesem Buch vielfach angesprochene Globalisierung wird ganz wesentlich von dem betriebswirtschaftlichen Eigeninteresse der einzelnen Kapitalgruppen getragen, die sich in Konkurrenz untereinander stets in einem Kampf ums Überleben befinden. Sie alle sind daran interessiert, die Rahmenbedingungen ihrer Reproduktion und Expansion zu sichern und ständig zu verbessern. Insofern haben sie zum Teil gemeinsame Interessen, welche häufig keineswegs mit den Interessen der Menschen und der Gesellschaften identisch sind. Auf die Marginalisierung ganzer Länder und gar Teilen von Kontinenten sowie die systematische Produktion von Arbeitslosigkeit und Armut unter dem Vorzeichen der Verbesserung der Konkurrenzfähigkeit auf dem Weltmarkt auch in den reichen Industriegesellschaften braucht – hier nur hingewiesen zu werden. In dem System der Konkurrenz, dessen Wettbewerbskomponente systemimmanent ständig durch Zentralisierung und Monopolisierungstendenzen unterhöhlt wird, sind ständige Konflikte im Kampf um Märkte, billigere Rohstoffe sowie Zugänge zum Kapitalmarkt und zu politischer Unterstützung vorprogrammiert.

Was uns gegenwärtig als glänzendes Modell der West-SiegerInnen im Systemkampf als einzig richtige Lösung angepriesen wird, steckt in Wirklichkeit voller ökologischer Bedrohung für die Menschheit und schlimmer sozialer Auswirkungen, eine Absurdität! Dies alles wird durch das “militärische Korsett” der SiegerInnen bedrohlich verschärft, worüber ich im zweiten Abschnitt dieses Buches bereits ausführlich berichtet habe. Denn daß ökonomische Interessen zu politischen und militärischen Konflikten führen, ist offensichtlich.

Die Absurdität sehe ich in zweifacher Hinsicht. Zum einen kann das “westliche Modell” gar nicht auf alle Gesellschaften der Erde übertragen werden, da dieses die Weltökologie zusammenbrechen ließe. Trotzdem dient dieses Modell des materiellen Wohlstandes der Legitimierung der Globalisierungspolitik. Kein Wunder, daß einzelne Gesellschaften aus diesem “Entwicklungsweg” auszubrechen sich bemühen und nach anderen Möglichkeiten der Gestaltung gesellschaftlichen Lebens suchen, wie vernünftig, irrational oder dysfunktional diese auch sein mögen.

Zum anderen können wir beobachten, daß alle Faktoren für die Produktion guten Lebens vorhanden sind. Es fehlt weder an Arbeitskraft, noch an Kapital, Materialien, technischer und wissenschaftlicher Kapazität, und auch nicht an Bedarf hierfür. Trotzdem ist es im Rahmen dieses Wettbewerbssystems nicht möglich, die vorhandenen Faktoren wirksam zur Produktion für den Bedarf zusammenzufügen. Zum Beispiel gibt es in Deutschland genügend ÄrztInnen, Pflegepersonal, Heilanstalten usw. Dennoch muß selbst angesichts einer stets wachsenden Generation von Alten die medizinische Betreuung vermindert werden. Diejenigen, die Hilfe bieten könnten, werden arbeitslos. Diejenigen, die Hilfe benötigen, erhalten sie nicht.

Das siegreiche System beginnt mehr und mehr Menschen Angst zu machen. Sie befürchten, aus dem sozialen Netz herauszufallen und ins Abseits zu geraten. Sie befürchten, ihr Land könne möglicherweise in der Konkurrenz der Wirtschaftsstandorte nicht mehr mithalten oder glauben gar, sie müßten die “Festung Europa” der reichen Länder militärisch gegen die Armen dieser Welt verteidigen. PsychologInnen werden weit mehr Ängste aufzuzählen wissen.

Mir geht es hier darum, welches “gesellschaftliche Klima” als Folge der globalisierten Konkurrenz entstehen kann, wenn es nicht gelingt, den Menschen in seinen und ihren wohlverstandenen Bedürfnissen in den Mittelpunkt des Wirtschaftens und der Politik zu stellen. Da wird es zum Verständnis der ablaufenden Prozesse erforderlich, aber nicht ausreichend sein, auf die Kritik der politischen Ökonomie, welche die ArbeiterInnenbewegung der letzten 150 Jahre entwickelt und vorgetragen hat, erneut und in einer der heutigen Zeit angemessenen Form zurückzugreifen. Dabei ist das Tabu der Marktliberalen zu durchbrechen, es gäbe keine Alternative zu dem bestehenden Wirtschaftssystem. Aber es muß auch darüber nachgedacht werden, welche Elemente diese Alternative haben sollte und könnte. Das ist nicht einfach und vielleicht auch vielfach außerhalb unserer Vorstellungskraft. Dabei bleibt es wichtig, die Lektion des “realen Sozialismus” im Auge zu behalten, der trotz aller Opfer der ArbeiterInnenbewegung zu einem bürokratisch etatistischen System schlimmster Art verkommen war. Manche verlieren ihr historisches Gedächtnis und verklären die sowjetische Gesellschaft im Sinne eines “Zurück in die Vergangenheit. Nein, das hat keine Perspektive! Die Gewalttätigkeit dieser Gesellschaft, ihre Repressivität und Heuchelei, wie auch ihre autoritären, entmündigenden Strukturen können nicht Menschen zur der Bewältigung der großen Menschheitsprobleme befähigen. Dazu werden kreative Menschen, die sich selbständig und trotzdem solidarisch verhalten können, benötigt.

Ein deutliches Modell einer Alternative ist nicht in Sicht. Viele, die gewohnt sind, in Modellen zu denken, mag dies entmutigen und zum Rückzug in die private Nische veranlassen. Andere werden in dieser Situation eher einen Vorteil sehen, ermöglicht sie doch, pragmatisch und suchend, gleichwohl mit theoretischer Anleitung, Reformarbeit aufzunehmen. Dabei werden sie nicht durch Modelle einer heilen Welt angeleitet, die in aller Regel nie zu dieser heilen Welt führen werden, sondern durch Normen und Prinzipien, denen sie sich verpflichtet fühlen. Dazu gehört aus meiner Sicht zweifellos das Prinzip, Konflikte nicht mehr mit militärischen, sondern nur noch mit zivilen Mitteln bearbeiten zu wollen, worüber dieses Buch in weiten Teilen handelt.

Ich will damit andeuten, das Bemühen um eine Überwindung des Konkurrenz zugunsten eines Kooperationspnnzips für die Menschen kann von vielen Seiten her erfolgen. In diesem Buch ging es um die wichtige Frage von Krieg und Frieden. Andere Menschen und Gruppen werden mit ihrer Reformarbeit an anderen Problemen ansetzen wollen. Warum nicht an der Frage der Verteilungsgerechtigkeit der Ergebnisse von Arbeit, dem Bemühen um den Abbau autoritärer, hierarchischer Strukturen, der Entmündigung durch die monopolisierte Medienöffentlichkeit oder an der großen Aufgabe, Solidarstrukturen in den Gesellschaften zu stärken und auszubauen!

Alle derartigen Bemühungen, welche die Stärkung zwischenmenschlicher Solidarität zum Leitmotiv haben, können nicht einfach als idealistisch irrelevant abgetan werden, wie es uns so oft von den sogenannten Real-PolitikerInnen, die häufig besser als Irreal-PolitikerInnen bezeichnet werden sollten, entgegengehalten wird. Solche Bemühungen bedeuten, sowohl Neuorientierung zu verbreiten, als auch eine Einübung in andere, auf Menschen und Menschenrechte bezogene, solidarische Verhaltensweisen. Diese sind nicht, wie die bekannten Hoch-Rufe auf internationale Solidarität, etwas Abstraktes, nein, sie sind höchst persönlich -konkret und verknüpfen zudem die persönliche mit der politischen Sphäre.

In unserer Sprache hat sich in den letzten Jahren zunehmend das Wort Zivilgesellschaft eingebürgert. Es wird in sehr unterschiedlicher Bedeutung verwendet. Manche meinen damit die Perfektionierung westlicher Gesellschaften, andere verbinden mit dem Begriff eine wie auch immer geartete neue Gesellschaftsformation, in der alles besser und gerechter werden soll. Mich beeindruckt, daß dieser Begriff trotz aller Vieldeutigkeit sich so schnell durchgesetzt hat. Sollte dies nicht damit zu tun haben, daß immer mehr Menschen das Bedürfnis verspüren, gesellschaftliches Leben mitgestalten zu wollen, um nicht allein Objekt von Zwängen des Gesellschaftssystems zu sein, die sie kaum noch beeinflussen können? Was bewirkt eine Wahl schon wirklich ? Menschen möchten mehr Einfluß auf die Gestaltung gesellschaftlicher Verhältnisse haben. Sicher ist dieser Wunsch mit höchst privatistischen Ambitionen durchwoben. Doch drückt sich nicht trotzdem darin das Bedürfnis nach einem sinnhaften Leben als einer möglicherweise zentralen Motivation aus ?

Dieser Vermutung gesellt sich die vielerorts gehörte Beobachtung zu, daß der Einfluß der Nicht-Regierungsorganisationen ständig zunimmt. Unter diesem Begriff verbirgt sich freilich sehr Unterschiedliches. Dennoch signalisiert diese Beobachtung, daß die Zivilgesellschaft – und somit auch die “Gesellschaftswelt” im Gegensatz zur “Staatenwelt” – sehr lebendig ist und keineswegs ob der mächtigen Zwänge von außen in Lethargie verfällt.

Ich sehe deshalb keinen Grund, den Kampf um das Gemeinsame und Gesellschaftliche aufzugeben und nur noch nach individuellen Nischen zu suchen. Auch ohne die großen Zukunftsvisionen, die sich zumeist als trügerisch erwiesen, können wir uns auf den Weg machen, um für eine solidarischere Welt zu arbeiten. Wir können von vielen Ansatzpunkten ausgehen und doch das Ganze im Auge behalten.

Solchem Optimismus wird entgegengehalten, Ihr könnt zwar hier und da immanente Verbesserungen bewirken, vielleicht manchen Konflikt im Vorfeld entschärfen, aber die großen Tendenzen der Gegenwart werden Euch doch eine bestimmte Richtung aufzwingen “und führen, wohin Ihr nicht wollt”. Ich will diese ernüchternde Vorhaltung noch etwas verschärfen. Gelänge es auch, das Instrument der “militärischen Konfliktbearbeitung” abzuschaffen, blieben dann nicht doch noch alle die Elemente erhalten, die unter den Begriff der strukturellen Gewalt gefaßt werden ? Also die Machtfülle der großen Wirtschaftskonglomerate, der riesigen nationalen und internationalen Organisationsapparate bis hin zu polizeilichen Sicherheitsdiensten, die zwar an Gesetze gebunden sein mögen, aber dennoch keineswegs strikt der Gerechtigkeit dienen ? Die Antwort, die ich mir selbst auf solche Vorhaltungen gebe, lautet: Sicher ist der Weg zu einer solidarischeren Weltgesellschaft ein unendlicher Weg. Wir werden niemals das Ziel ganz erreichen. Deshalb wird zu Recht gesagt, der Weg sei das Ziel, will sagen: Auf dem Wege erreichen wir nur Teilziel um Teilziel. Natürlich verirren wir uns auch, aber wir haben Chancen, zurückzufinden und dann den Weg wiederaufzunehmen. Wäre es nicht ein großartiges und bedeutendes Etappenziel, militärische Gewalt aus dem Arsenal menschlich-unmenschlicher Instrumente auszuklammern’ Sicher, es wäre nicht alles, aber es würde die Voraussetzung für die Bewältigung anderer Probleme enorm verbessern. Ähnliches läßt sich für andere Ansatzpunkte sagen. Daher stimme ich dem “Bellizisten” Wolf Biermann zu, der als Oppositioneller in der DDR in seinem Lied auffordert: »Wartet nicht auf bessere Zeiten …«, und ich füge dieser Aufforderung hinzu, daß der Weg, über den wir hier sprechen, ein sehr erfülltes, ereignisreiches und sinnvolles Leben bedeuten kann.

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